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Burnout bei Ärzten und Ärztinnen kommt besonders häufig vor. Mehr als andere Berufsgruppen scheuen sie aber, Hilfe anzunehmen. Dabei ist rechtzeitige Prävention wichtig, um Arbeits- und Lebenszufriedenheit zu behalten..

 

Was ist ein Burnout?

 

Das große Wörterbuch der Psychologie definiert Burnout als einen emotionalen, geistigen und körperlichen Erschöpfungszustand nach einem vorangegangenen Prozess hoher Arbeitsbelastung, Stress und/oder Selbstüberforderung. Betroffene beschreiben es genau so, dass Sie sich vollkommen ausgebrannt und erschöpft fühlen, keinen Sinn mehr in dem sehen, was sie tun, und sich nicht mehr leistungsfähig erleben. Ausschlaggebend dafür sind die hohen beruflichen Anforderungen und Belastungen, denen Ärzte und Ärztinnen unterliegen, aber auch private Anforderungen. In jedem Fall aber spielen in der Entwicklung eines Burnout bei Ärzten und Ärztinnen hohe Ansprüche an sich selbst eine ausschlaggebende Rolle. Ein Burnout kann sich über einen längeren Zeitraum von Monaten bis zu 3 Jahren in verschiedenen Phasen entwickeln und führt schließlich, wenn keine rechtzeitige Hilfe erfolgt, zu einem Nervenzusammenbruch. Voraus gehen dem Symptome wie diffuse Schmerzen und Verspannungen, Schlafstörungen, ständige Müdigkeit, Gereiztheit, Selbstzweifel, sozialer Rückzug und Zynismus gegenüber dem eigenen Beruf und den Klienten als Versuch eines emotionalen Selbstschutzes. Wenn Sie mehr über die verschiedenen Phasen erfahren möchten, lesen Sie meinen Blog-Beitrag Burnout-Phasen.

Ärzte und Ärztinnen sind eine besonders gefährdete Berufsgruppe

 

Nach Schätzungen der Bundesärztekammer aus dem Jahr 2016 leiden rund 8% der deutschen Ärzte mindestens einmal im Leben an einer Suchterkrankung. Dabei steht Alkohol mit 60% an erster Stelle, gefolgt von Medikamentenabhängigkeit mit 23% und illegalen Drogen mit 17%. 20% Prozent der suchtkranken Ärzteschaft nutzten sogar mehrere Substanzen. Bereits 2006 konstatierten Hamburger Rechtsmediziner eine bis zu 5 Mal höhere Selbstmordrate bei Ärztinnen in Deutschland als in der Allgemeinbevölkerung und bei den männlichen Kollegen eine bis zu 3 Mal höhere Rate.

In einer Umfrage des Online-Netzwerkes Esanum [ext.], einer Kommunikationsplattform für approbierte Ärzte, befürchteten 60% der Ärzte einen längerfristigen Ausfall aufgrund eines stressbedingten Burnouts, 78% sind mit ihrem Beruf unzufrieden. Eine Studie des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft der Kölner Universität an Krankenhausärzten (U-BIKE-Studie) [ext.] sah bei 54% der Befragten vorhandene Burnout-Symptome und bei 20% sogar schwerwiegende Burnout-Symptome. Im Klartext: Burnout bei Ärzten und Ärztinnen ist ein Hochrisiko, denn 74% der ärztlichen Mitarbeitenden in Krankenhäusern sind stark Burnout gefährdet oder sogar schon nahe am Zusammenbruch!

 

Gründe der Gefährdung

Schon erstaunlich, dass ein Beruf, der einerseits hohe Erfüllung verspricht und andererseits auch ein hohes soziales Ansehen genießt, so viel Unzufriedenheit und Belastung erzeugt. Ein genauerer Blick auf die beruflichen Bedingungen macht aber eine Reihe von Risikofaktoren deutlich, die Ärztinnen und Ärzte zu einer besonders gefährdeten Berufsgruppe machen.

 

  1. Rollen-Mythen

Um alle Berufe ranken sich Rollenmythen, die einerseits Erwartungen an diese Berufsgruppe zum Ausdruck bringen und andererseits das Selbstverständnis dieser Berufsangehörigen widerspiegeln. Dazu gehören die alten Hausärzte, die von morgens früh bis abends spät in der Praxis Dienst oder Hausbesuche machten und auch mit 90 Jahren noch ihre Patienten versorgen, ebenso wie die Helden in der Klinik, die täglich an der Nahtstelle zwischen Leben und Tod kämpfen. Jedenfalls wird von Ärzten und Ärztinnen erwartet, dass sie alles wissen, alles verstehen, alles können, alles beherrschen und selbstlos im Dienste ihrer Patienten stehen. Und das erwarten viele auch von sich selbst. Kein Wunder, dass in diesem Rollenbild kein Platz für Grenzen und Schwäche ist. Ärzte, die selbst krank werden, schämen sich deswegen, decken sich nicht gegenüber Kollegen auf, fürchten den Verlust ihres Ansehens in der potenziellen Klientel. Erst recht, wenn die Krankheit psychische Dimensionen hat. Denn im traditionellen medizinischen Weltbild hat die Psyche keinen Platz. So erstaunt auch nicht mehr, dass erwiesenermaßen hilfreiche Angebote zur Prävention wie Supervision und Coaching von Ärzten kaum in Anspruch genommen werden. Wer so eine Rolle ausfüllen und aufrechterhalten muss, hat Angst vor der Konfrontation mit sich selbst.

 

  1. Menschenarbeit

Die ärztliche Aufgabe bedeutet Menschenarbeit und das heißt in erster Linie Beziehungsgestaltung. Patienten übertragen in ihrer eigenen Verunsicherung und Hilflosigkeit Vater- und Mutter-Erwartungen auf den Arzt. Er/Sie soll Sicherheit geben, versorgen, Verständnis vermitteln und Halt geben. Das ist nicht zu erfüllen und würde außerdem Zeit für Kontakt und Gespräche erfordern. Die lässt aber weder der Klinikalltag noch das Abrechnungssystem der Krankenkassen zu. Vor allem aber würde es soziale Kompetenzen der Ärzteschaft erfordern. Die werden aber weder im Studium noch in der Ausbildung ausreichend vermittelt. Dazu trägt auch die seltsame Vergabe der Studienplätze fast ausschließlich an Einser-Abiturienten bei. Im Berufsalltag müssen Ärztinnen und Ärzte dann aber angemessene Beziehungen zu Patienten gestalten, die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz schaffen und auch zwischen Mitgefühl und notwendiger Abgrenzung . Sie müssen mit heftigen Emotionen auf der anderen Seite umgehen, die ebenso heftige Emotionen bei Ihnen selbst auslösen können. Das alles sind klassische Themen von Supervision, vor der sich die Ärzteschaft aber scheut.

Sie müssen als Krankenhausärzte auch Beziehungen mit Kollegen gestalten, die eher als Konkurrenten um OP’s und Erfolge antreten. In einer Untersuchung der Fakultät für Psychologie und Pädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München [ext.] äußerte jeder zweite befragte Arzt, dass er von Kollegen nicht ausreichend unterstützt würde und sich nicht auf sie verlassen könne. Und als Stationsarzt oder Oberarzt in der Klinik oder als niedergelassener Arzt in der eigenen Praxis müssen sie Personal führen. Eine weitere Aufgabe, die Sozialkompetenz erfordert und eigentlich nicht als Bestandteil der Arbeit bedacht wurde. Für die Berufswahl waren andere Gründe ausschlaggebend als die Fähigkeit und Leidenschaft zur Personalführung. Umgang mit Kollegen, Vorgesetzten und Nachgeordneten, Umgang mit Strukturen, die konkrete Gestaltung der beruflichen Rolle sind wiederum klassische Themen eines Coachings.

Wer aber ohne ausreichende Schulung und Unterstützung, ohne Tools und ohne Persönlichkeitsentwicklung in diesem schwierigen Geschäft der Beziehungsgestaltung zurechtkommen will, gerät leicht an die eigenen Grenzen und in die Überforderung. So erklärt sich Burnout bei Ärzten und Ärztinnen.

  1. Stramme Hierarchie im Krankenhaus

Krankenhäuser gehören, zumindest im ärztlichen Dienst, noch zu den klassischen Hierarchiekulturen wie Militär und Kirche. Im Ernstfall einer OP ist es ja auch richtig, dass einer den Hut aufhat und in aller gebotenen Schnelligkeit Entscheidungen treffen kann. Aber Hierarchiesysteme statten Einzelne mit Machtfülle aus, schaffen Abhängigkeiten und leben von Anweisung und Gehorsam. Darunter leiden offener Dialog, Innovation und Kreativität. Die Abläufe sind stark strukturiert und formalisiert und lassen den Ärzten und Ärztinnen nur wenig Handlungsspielraum, eigene Ideen einbringen zu können. Hinzu kommt, dass die Erwartungen von Patienten, Krankenkassen und Krankenhausgeschäftsführung selten überstimmen. Wer dazu noch seine eigene Vorstellung von seiner ärztlichen Rolle leben will, gerät unweigerlich in Konflikte und muss beidrehen, wenn er die für seine Facharztausbildung erforderlichen Operationen bekommen will.

Ich wurde schon einige Male in Krankenhäuser gerufen, weil es in einer Abteilung hohe Krankenstände, Fluktuation und Unzufriedenheit gab. Grund: ein Chefarzt, der zwar ein guter Operateur war, menschlich aber höchst problematisch im Umgang mit seinem Ärzte- und Pflegeteam. Das Krankenhaus hielt aus verständlichen Gründen natürlich an seiner Geldquelle „guter Operateur“ fest. Das Personal muss irgendwie damit zurecht kommen. In der schon erwähnten Untersuchung der Ludwig-Maximilians-Universität in München fühlten sich 3 von 4 befragten Ärzten vom direkten Vorgesetzten unzureichend unterstützt. Sie hatte zudem das Gefühl, sich bei Schwierigkeiten nicht auf ihn verlassen zu können. Als weitere Belastung nannten sie illegitime Aufgaben in dem Sinn, dass diese entweder unter- oder überfordern oder als komplett unnötig eingeschätzt wurden. 79 Prozent der Befragten betonten, gelegentlich bis sehr häufig unnötige Aufgaben übernehmen zu müssen. Bei fast 40% kam es so zu einer Gratifikationskrise: das demotivierende Erleben eines Ungleichgewichtes zwischen erlebter Belastung und dafür erhaltener Entlohnung und Anerkennung.  Auch das sorgt für die hohe Anzahl von Burnout bei Ärzten und Ärztinnen.

  1. Arbeitszeitgestaltung

Schichtarbeit bedeutet für Betroffene per se eine Gesundheit gefährdende Rahmenbedingung der Arbeit. Sie ist unvermeidlich, zwingt aber dazu, gegen biologische und soziale Rhythmen zu leben. Das erzeugt Stress. Denn viele organischen Funktionen wie Wach-Schlaf-Rhythmus, Ausschüttung von Hormonen, Leistungsfähigkeit oder Verdauung unterliegen festen Rhythmen, die nicht direkt beeinflusst werden können. Schichtarbeit wird für eine Reihe von Erkrankungen verantwortlich gemacht: Magen-Darm-Probleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas und Krebs. Sozial erschweren Schichtarbeit und Bereitschaftsdienst die Teilhabe am familiären und gesellschaftlichen Leben. So nannten 76% der Klinikärzte als Belastungsfaktor, dass sie sich nicht auf die Planung der Arbeitszeit verlassen können und auch kein selbstbestimmter Überstundenausgleich möglich ist. In einer Umfrage des Marburger Bundes [ext.] aus dem Jahr 2015 gab die Hälfte der Befragten an, bis zu 59 Stunden pro Woche zu arbeiten, ein Viertel sogar bis zu 80 Stunden. Und immer wieder spielt Zeitdruck eine Rolle infolge von Personalengpässen und akuten Anforderungen, die geregeltes Arbeiten unmöglich machen. Die Stressreaktion stellt für solche Anforderungen durchaus die erforderliche Energie bereit – aber nur, wenn es sich dabei um Ausnahmezeiten handelt, denen dann ausreichend Entspannung und Erholung folgt Sie funktioniert nicht, wenn es um Dauerbelastung geht.

 

  1. Unternehmertum in der freien Praxis

Zwar mag mancher sich bei der Studien- und Fachwahl gute Verdienstmöglichkeiten ausgerechnet haben, in der Regel sind aber das Interesse am ärztlichen Tun und ideelle Motive für die Berufswahl ausschlaggebend. Wer sich dann in einer freien Praxis niederlässt, beginnt mit vielen Schulden, die nicht nur ärztliches Handeln, sondern vor allem auch unternehmerisches Handeln erforderlich machen. Und das im Rahmen eines Abrechnungs-Kleinklein, das trotz Selbstständigkeit Abhängigkeit, Fremdbestimmung und hohen Verwaltungsaufwand bedeutet. Unternehmerisches Handeln heißt: eine Vision, ein Leitbild für die eigene Praxis zu entwickeln; sich zu einer „Marke“ zu machen; Ziele -auch finanzielle- zu definieren und Strategien zur Erreichung der Ziele zu planen; ständig an der Optimierung der Organisation und der Abläufe zu arbeiten; das Personal zu qualifizieren und Arbeit anzuleiten. Das alles erfordert Zeit und auch die Beherrschung unternehmerischer Tools. Das sind ebenfalls Faktoren, die Ärzte und Ärztinnen zu einer besonders gefährdeten Risikogruppe für Burnout machen. Stressend sind diese Faktoren erst recht, wenn es zu finanziellen Problemen und Sorgen kommt.

  1. Hohe Verantwortung

Kaum irgendwo führen Fehler in der Einschätzung und im Handeln so zur Gefährdung fremder Personen wie im ärztlichen Dienst. Das bedeutet eine hohe Verantwortung, die verunsichern kann. Zu dieser Verantwortung gehört auch, auf dem aktuellen Stand des Wissens und der Forschung zu bleiben und das in einer medialen Welt, die eher zu viel als zu wenig Informationen bereithält. Eine weitere Anforderung an die knappe Zeit. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, kann außerdem in die sogenannte „Ethik-Falle“ führen: Ärztinnen und Ärzte sind leicht auszubeuten, weil man davon ausgehen kann, dass sie sich im Zweifelsfall eidgemäß für das Wohl der Patienten entscheiden.

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